Der Pianist Urs C. Eigenmann ist Jazzmusiker und Gründer verschiedener Jazzformationen, er unterrichtet an der Oberstufe Flawil Musik und Theater und leitet die Musikschulband der Musikschule Flawil.
Der St. Galler Künstler Alex Hanimann war acht Jahre Mitglied der eidgenössischen Kunstkommission, er unterrichtet an der HGKZ in Zürich
Interview: Brigitte Schmid-Gugler
Wie sehen Kunstschaffende und Musiker die Entwicklung des Kantons und der Stadt bezüglich des Angebots an Fachhochschulen für Kunst und Musik? Eine Debatte über Verpasstes und Wünschbares.
Urs C. Eigenmann, Alex Hanimann, nachdem nun auch noch der Jazzschule St. Gallen die Schliessung droht, hört man im Umfeld der bildenden Künstler und der Musiker einmal mehr das Wort «Resignation». Weder die Schule für Gestaltung noch die Musikakademie konnten an der Idee einer Fachhochschule für angehende Kunstschaffende beziehungsweise Musiker festhalten. Läuft etwas schief in Kanton und Stadt?
Urs C. Eigenmann: Das kann man wohl sagen! Der Kanton hat seine Chancen schon vor vielen Jahren St. Gallen leistet sich hier eine Einbahnidee; man begnügt sich mit der Pufferzone und zieht sich damit schlicht und weg aus der Verantwortung. Einmal mehr katapultiert sich die Ostschweiz buchstäblich in die Provinz . . .
Alex Hanimann: . . . Provinz ist überall; umso mehr gleicht es einer Kapitulation zu sagen: wir sind zu klein für eine visuell ausgerichtete Fachhochschule. Gemessen an ihrer Tradition, kann man tatsächlich manchmal nicht verstehen, weshalb St. Gallen seine Trümpfe nur mit sogenanntem Standortmarketing, aber nicht auch bildungspolitisch ausspielt beziehungsweise nicht erkennt, dass das eine mit dem anderen stark verknüpft werden muss.
Eigenmann: Genau! Ich werde öfter mal gefragt, was denn eigentlich Kunst sei. Dann nehme ich immer einen funktionierenden Körper als Beispiel: Es braucht alle Organe, damit er gut funktioniert.
Hanimann: Die Kloster- und Textilstadt mit ihrer sagenhaften Geschichte hätte es durchaus in der Hand gehabt, gewisse künstlerische Fachbereiche – vor allem im Visuellen – zu erneuern, neu zu installieren. Warum machen sich Leute wie Kriemler, die diese Tradition pflegen, nicht stark für solche Visionen? Würde nicht eine gut etablierte Bildung im visuellen Bereich für sie eine Art Ressource, eine Investition in ihre eigene Zukunft darstellen? Da ist es vielleicht auch von seiten der Politik versäumt worden, Brücken zu bauen, Visionen zu entwickeln.
Der Kanton äusserte sich vermehrt dahin gehend, es gebe schon genug Fachhochschulen.
Eigenmann: Es ist äusserst arrogant zu sagen, es gebe schon genug Fachhochschulen und genügend Anschluss an ausserkantonale Hochschulangebote. Bildende Kunst und Musik sind wichtige Pfeiler für die Dynamik, Interaktion in/mit einer Stadt. Das kann nicht nur mit Fussball oder mit der Wirtschaftsuni passieren. Künstler und Musiker prägen eine Stadt mindestens so sehr. Und zwar gerade in einer Phase, wenn die jungen Menschen noch studieren und nicht bereits an einem festen Haus engagiert oder als Künstler mit ihrem Schaffen in die Öffentlichkeit treten. Wie sich eine Stadt mit einer Hochschule für Musik oder Kunst verändert, lässt sich doch an anderen Schweizer Städten ablesen – auch Luzern ist viel lebendiger geworden, seit dort die Schule für Gestaltung den Anschluss an die Hochschule geschafft hat und trotz grosser Schwierigkeiten gewisse Schwerpunkte setzen konnte…
Hanimann: … wenn ich sehe, wie das Angebot der Fachrichtungen Kunst und Musik in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren die Stadt Zürich verändert und erweitert hat! Und wie zwischen Aarau und Basel Synergien geschaffen wurden. Das führt zu interessanten Wechselwirkungen. Diesen Städten gelingt es, junge Menschen auch nach Abschluss ihrer Ausbildung zu behalten und nicht nur als Zubringer für die jeweils grösseren Metropolen zu funktionieren. Diese Entwicklung wurde im Verlauf der letzten zehn Jahre in die Wege geleitet. Die Positionen sind bezogen, die verschiedenen Schulen haben ihre neu konzipierten Ausbildungsgänge und Schwerpunkte definiert und diese vom Bund absegnen lassen. Das heisst, St. Gallen muss nun aus einer defensiven Position heraus agieren, will man hier noch etwas entwickeln. Das ist eine denkbar schlechte Voraussetzung. Aber es gibt auch Institutionen, die es schafften, von null aus ihre heutige Position zu entwickeln: Die Situation des Kunstmuseums war in den 70er-Jahren desaströs, das Haus lange geschlossen, keine politische Lobby, die Zukunft absolut unklar. Dann die gloriose Wiedereröffnung und heute ein Museum mit Weltruf!
Die Uni St. Gallen bietet zwar nicht im Haupt-, aber doch in Nebenfächern «kulturelle Kompetenz» (Sprachen; länderbezogene Kultur) sowie «Reflexionskompetenz» an, dort sind Literatur und Filmseminare mit drin. Ausserdem gibt es zahlreiche Fachsymposien. Genügt das nicht?
Hanimann: In der Vermittlung wird an der Uni viel getan. Das ist gut, aber es kann eine Ausbildung an einer visuellen Hochschule/Fachhochschule, wo man Fotografie, visuelle Kommunikation, Textil- und Industriedesign, Film, Animation, Illustration, freie und digitale Kunst, Musik usw. studiert, nicht ersetzen. Gerade visuell tätige Menschen benützen die Stadt, in der sie studieren, als Bühne, sie mischen sich politisch und kulturell ein. Die Uni St. Gallen sehe ich eher als einen in sich geschlossener Think Tank mit einem grossen Anteil an auswärtigen Studierenden, deren wirtschaftliche Studienrichtungen kaum Einfluss nehmen auf die kulturelle Entwicklung der Stadt. Kommt dazu, dass heutzutage in erster Linie die Papiere zählen, die man erworben hat – Bachelor-, Masterdiplome. Ohne solche Abschlüsse hat man kaum mehr eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.
Eigenmann: Wenn ein Kanton diese Papiere verlangt, müsste er auch die Möglichkeit schaffen, diese hier zu erwerben.
Aber Kunstschaffende und Musiker wollen ja am liebsten unabhängig sein und sich nicht als Ausbildner einbinden lassen.
Eigenmann: Ein paar ganz wenige – inklusive Konzertdiplomanden – können dies in der Schweiz tun. Die meisten müssen sich ihren Lebensunterhalt mit Unterrichten oder mit einem anderen Nebenjob verdienen beziehungsweise sie haben einen Partner, eine Partnerin, die mitverdienen. Aber was heisst «müssen»! Ich unterrichte sehr gerne.
Hanimann: Mir geht es genauso. Der Austausch mit Studierenden ist sehr interessant und lebendig. Ich lerne viel dabei. Die Tätigkeit an der Hochschule verschafft mir zudem auch immer wieder die nötige Distanz zu meiner künstlerischen Arbeit.
Im Zusammenhang mit der Schliessung der Musikakademie hörte man, dass Ausbildende, also Musiker mit Lehrdiplom, sich nicht genug für die Weiterführung eingesetzt hätten, oder besser, dass künstlerisch Berufstätige sich nicht gerne oder nicht genug in politische Diskussionen einmischen. Würden Sie dem zustimmen?
Eigenmann: Von der Seite der Musiker stimmt das wohl. Musiker, insbesondere Jazzmusiker, wollen einfach spielen, auftreten, mit Musik auf die Welt reagieren, nicht mit Reden. Das ist das, was sie können. Mehr mutiges Engagement wäre da sicher angebracht. Und wir hätten für eine Fachhochschule sehr viele Kapazitäten, mit denen man sich überregional profilieren könnte.
Hanimann: . . . in den visuellen Künsten ist die Situation ähnlich. Wir haben grossartige Kapazitäten vor Ort oder mit enger Beziehung zu St. Gallen: Roman Signer, einer der weltweit beachtetsten Künstler zurzeit, Peter Liechti, ein grossartiger Filmer, Pipilotti Rist, die bekannte Videokünstlerin, Norbert Möslang, der Bild- und Ton-Avantgardist, Albert Kriemler, weltberühmter Textildesigner, Jost Hochuli, hochdekorierter und allseits geachteter Wegbereiter der zeitgenössischen Typographie, und und und, wunderbare Leute! Leute mit Weltruf! Man stelle sich vor, sie alle wären Institutsleiter an einer Hochschule für Kunst und Gestaltung St. Gallen . . .
Eigenmann: Doch ich glaube, es ist nicht Sache der Kunstschaffenden, so etwa anzureissen.