«Alli zäme mit em Urs» umfasst eine Doppel-CD, ein CD-Booklet und zwei Werkbücher mit Texten und Bildern. Urs C. Eigenmann, Jazzpianist, Musikpädagoge und Komponist, scharte während der dreijährigen Realisierungszeit mehr als 170 Kulturschaffende um sich.
Autor: Hans Jürg Etter
Dominiert von den Felsenbergen des Alpsteins und der Churfirsten verbirgt sich hinter dem Appenzellischen das rüdere und abgelegenere Toggenburg, bewaldete Hügel, Talschatten, Dörfer, kleine städtischere Zentren wie Wattwil und Lichtensteig. In den letzten Jahren hat das Toggenburg begonnen, seine eigene Kunst und Kultur über das Traditionelle hinaus, in dem es dem Appenzellischen eng verwandt ist, neu zu formulieren. Eine Bastion der neu entstehenden Toggenburger Kultur ist das «Rössli» in Mogelsberg, eine «Kulturbein» par excellence, untergebracht in einem stattlichen, in seiner Substanz mehr als gut erhaltenen Haus, das dem Gast neben kulturellen Anlässen und einer guten Küche auch Übernachtungsgelegenheit bietet. Nach Mogelsberg, das zur Talschaft des Neckers gehört, verschlug es vor einigen Jahren den St. Galler Musiker Urs C. Eigenmann, dessen Vorlieben Funk, Blues und schnelle Rhythmen, aber auch musikalisch-künstlerische Experimente aller Art sind, einen Macher und Wager, der immer wieder Bewegung in die Ostschweizer Kulturlandschaft bringt.
«Alli zäme mit ein Urs» ist die Folge einer kalten, aber inspirierten Februarnacht des Jahres 1996. In derselben schreckte Eigenmann auf, gepackt von einer grossen Idee. Umgetrieben von Gedanken an seinen bevorstehenden, fünfzigsten Geburtstag war er zum Entschluss gekommen, auf diesen Zeitpunkt hin ein Werk zu realisieren, das zu reden geben sollte. Kulturschaffende aller Art aus der Ostschweiz wollte er versammeln, um ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen. Der Gedanke, sich als Kultur- und Kunstschaffender ein eigenes Werk zum eigenen Geburtstag zu schenken, ist so absurd nicht, wie das dem Aussenstehenden erscheinen mag. Man muss wissen, dass die Ostschweiz mit ihren Kulturschaffenden hin und wieder recht grob umspringt, da sie, so die Meinung, volkswirtschaftlich kaum von Nutzen sind.
Am Morgen teilte Urs die nächtlichen Gedanken seiner Lebensgefährtin Cornelia Buder mit: Ein Gesamtkunstwerk sollte entstehen in Musik, Bild und Text, zusammenfinden sollte so, was immer sich künstlerisch umtut, oft genug im Geheimen und Stillen. Musikerinnen und Musiker, Sängerinnen und Sänger. auch Chöre, Malerinnen und Maler, Schreibende, Grafiker wolle er, der Urs, zum Mittun auffordern, etwas auf die Beine stellen und das Kind zum Laufen bringen. Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, wenn sich Urs im CD-Booklet als Baby in den Armen seiner Mutter vorstellt, denn das war schliesslich aller Anfang. Er schreibt dort: «Die Idee - in einer Februarnacht 1996 geboren. im Juni 1996 von der ersten konstituierenden Sitzung beschlossen, von Hochs und Tiefs geschubst - ist dank dem beispiellosen Mittun aller Beteiligten im November 1998 zur Wirklichkeit geworden. Die Idee war anfänglich klein. Sie hat sich aber ungeahnt zu einem grossen Tun entwickelt.
Keimzellen der Kultur
Was macht dieses Werk, so könnte man nun fragen, so wichtig und epochal für die Ostschweizer Kulturszene und woran liegt es. dass es in Seinen Dimensionen ganz offensichtlich verkannt und entsprechend stiefmütterlich honoriert wird? Es fehlt an der Erkenntnis. dass die dörflichen Keimzellen der Kunst und Kultur mindestens, ebenso wichtig sind wie die subventionierte Kultur der städtischen Zentren, auf die einäugige Optik sprachloser Kommentatoren und Kritiker fokussiert ist. Es fehlt den Elitären an Mut, einer Kunst, die sich erst noch bewähren muss, das Wort zu reden und es fehlt zusätzlich an der Einsicht. dass Kunst aus der Reibung zwischen Emotion und Intellekt entsteht und dass die entstehenden Reibegeräusche unmittelbar vor der Haustüre zu hören wären, wenn man sich in den Garten hinaustraute. So erklärt sich. dass das vorliegende Werk sich auf eine geradezu eigendynamische Weise dem Zugriff zyklopischer Auguren entzieht. Und so kommt es, dass Urs - wir kennen uns schon lange - mir jetzt an meinem Küchentisch gegenübersitzt und mir von Lust und Frust auf dem Weg zu diesem Werk erzählt, das zugleich seins und das der anderen und damit als Kunstwerk in ein paradoxes Sein entlassen ist.
Urs C. Eigenmann ist in einer gewissen Weise die Quadratur des Kreises im Künstlerischen gelungen. Er hat es geschafft, ein musikalisch-bildnerisch-textliches Gesamtkunstwerk zu realisieren, eine Legion
aus der Region am runden Tisch zu versammeln. nicht leicht zu handhabende Individualisten alles. Das Geniale daran ist die selbstlose Vernetzung künstlerischer Aspekte über die je eigenen Interessen hinaus. Das Werk mit dein Titel «Alli zäme mit ein Urs» ist für die Ostschweiz einmalig und es verleiht ihr eine umfassende, moderne, künstlerische Sprache.
Mit Urs im Gespräch
Die Liste der hochkarätigen Künstlerinnen und Künstler, die sich beteiligten, ist ellenlang. Das Werk, so Urs C. Eigenmann, sei eine vom Toggenburg ausgehende Ostschweizer Leistung. Am Schluss seien über 170 Leute dabei gewesen. «In dieser Zeit». sagt er, «tat ich die Nüstern auf, stellte die Leute. die ich kenne. auf der Strasse und holte Sie zum Arbeiten aus der Beiz. Ich schrieb die Musik, vierunddreissig Nummern aufs Mal und in den verschiedensten Stilrichtungen. Rückblickend ist diese Leistung für mich nicht mehr nachvollziehbar».
Im «Gallus-Tonstudio» fand Eigenmann die Fachleute, die er für sein Vorhaben brauchte, um es im Technischen realisieren zu können. Auch sie waren mit von der Partie, begeistert vom entstehenden Werk und liessen sich nicht schrecken vom Umstand, dass das Projekt finanziell auf wackeligen Beinen stand. Ein Zufall sei übrigens die zeitlich ziemlich genaue Aufteilung des Werks in zwei CDs. «in groove» und «in moove». Die experimentellere Musik findet sich auf jener mit dem Titel «in moove», während die «fetzigeren» Rhythmen auf jener mit dem Titel «in groove» ihren Platz gefunden haben.
Umschiffte Klippen
Die Realisierungsphase des Werks war lang. Nachdem alle Künstlerinnen und Künstler zugesagt hatten, begann UrS C. Eigenmann zu rechnen und merkte bald. dass die finanziellen Dimensionen bedrohlich werden und sich wahrscheinlich im Bereich von 120‘000 Franken bewegen würden. Das Projekt geriet wieder einmal in eine Krise. Urs sagte jetzt seinen Leuten, dass man sofort aufhören müsse. Doch die waren mit dem Abbruch des Vorhabens nicht einverstanden. Die Idee hatte sie überzeugt. Nachdem sie die Gewissheit erlangt hatten, an etwas Sinnvollem beteiligt zu sein, verzichteten sie lieber auf Honorare und Gagen, statt klein beizugeben. «Es gab eine Zeit», erzählt Urs. «in der ich ohne Sänger dastand. Die wollten beides, die CD und Geld. Ich kam schweren Herzens zum Schluss, die Sache ohne Gesang zu machen, obwohl mir klar war, so viel Substanz zu verlieren. Leute vom Stadttheater sagten jetzt zwar selbstlos Hilfe zu, doch dieses Angebot scheiterte an Termingründen. Zum Retter in der Not wurde mir der freischaffende St. Galler Baritonsänger Bernhard Bichler, der in kürzester Zeit zu den Aufnahmen er-schien und uns ganz spontan half.» Mit der Zeit kamen wieder Stimmen zusammen. Urs C. Eigenmann fand sie in .Andrea Weber, Isabelle Baumeler, Barbara Camenzind, Regula Fischer, Michael Heim und Gallus Scherrer. Tagsüber ging er jetzt seiner Beschäftigung als Musikpädagoge nach und nachts war er Komponist, Musiker und Projekt-Manager. Noch immer fehlten Stimmen, fehlten Chöre. Irgendwann hatte Eigenmann die zündende Idee. Jürg Surber, Musiklehrer an der Kantonsschule Trogen, und Gianni Pede vom Gymnasium «Untere Waid» in Mörschwil wollte er anfragen, ob Sie mit ihren Schülerchören, die sich, wie er wusste, auf hohem Niveau bewegen, nicht mitarbeiten würden, Schülerinnen und Schüler beider Gymnasien wurden schliesslich für die Aufnahmen freigestellt und erlebten statt Schule einen Tag im Tonstudio. In vier Stunden spielten sie zusammen mit den Profis sieben Nummern ein. Damit war das Projekt wieder etwas weiter gediehen. «Künstlerische und finanzielle, auch existentielle Krisen», so Urs, «haben das Werk begleitet, aber auch immer wieder tolle, aufbauende Erlebnisse mit Menschen.»
Irgendwann kam's dann zur CD-Übergabe, obwohl die ungestopften, finanziellen Löcher noch klafften. Nach der Übergabe, die im Foyer der Tonhalle St. Gallen stattgefunden hatte und von der noch zu reden. sein wird, setzte sich Urs, heimgekehrt ins Toggenburg, an den Stammtisch im «Rössli» in Mogelsberg und mischte sich unter die einheimischen Handwerker und Bauern, die er zur Übergabe natürlich auch eingeladen hatte. Zwei Toggenburger Handwerker hatten an diesem Abend die Ohren wohl gespitzt und bemerkt, dass eine Menge Geld fehlte. «Die beiden kamen mir vor wie zwei Engel», sagt Urs, «denn sie fragten unvermittelt, mit wie viel Geld wir noch in der Kreide stünden, was noch alles nicht bezahlt sei. Dann gewährten sie mir von der einen Minute auf die andere den ganzen fehlenden Restbetrag als zinsloses Darlehen. Das ermöglichte mir, die offenen Rechnungen zu begleichen und normal weiterzuleben.
Das Werk
Nimmt man das Werk unter die Lupe, indem man seine Entstehungsgeschichte verfolgt, zeigt sich, dass es immer wieder Leute gab, die versuchten. Eigenmann auf seinem Weg Prügel zwischen die Beine zu werfen, Das ist einfach: Die Entstehung von Kunst lässt sich nicht verhindern, ihre Rezeption aber schon.
Man hat es nicht so gern, wenn etwas über sich hinauswächst. «Alli zäme mit em Urs>, ist ein Werk, das eine brisante Eigendynamik entwickeln könnte, wenn man es liesse. Es ist im Musikalischen, im Bildnerischen und im Textlichen äusserst vielseitig. Volksmusikalische Elemente treffen auf Klassik, die, vom hohen Ross gestiegen, afrikanischen Rhythmen ein Ohr leiht. Jazz geht unvermittelt über in Rap, Funky-Swing, bluesige Untertöne, gewagte, musikalische Experimente gehen immer wieder die Risiken der Disharmonie ein, fordern die Veränderung festgefahrener Hörgewohnheiten. Es gilt, die in den beiden Werkbüchern festgehaltenen Bilder und die dazugehörigen Texte anzunehmen als etwas Eigenständiges, das sich aus der Region entwickelt hat. Mithin wäre also nichts anderes als die Veränderung der Denkgewohnheiten gefordert.
«Alli zäme mit em Urs» stellt sich als eine Perlenkette von musikalischen Einfällen und Ideen dar. Die Nummer vier auf der CD «in moove» ist eine posthume Hommage an den Art-brut-Maler Hans Krüsi, Maskottchen der St. Galler Schickeria und produzierende, wandelnde Kapitalanlage, die sich mit Bratwürsten und Ofenwärme füttern liess. Was masst sich dieser Araber. dieser Monir Bejaoui an, den Krüsi zu malen. Der gehört anderen Leuten. Jenen, die ihn ausgeschlachtet haben, «Heil Vetia», die Nummer fünfzehn derselben CD, greift, untermalt von Talerschwingen und Alphornklängen, die peinliche Holocost-Diskussion auf. Hugo Affolter, ehemals Dramaturg am Stadttheater St. Gallen, hat das Bild beigesteuert: Geld und Blut tropft dort von einer Schweizer Fahne. Cornelia Buder schreibt dazu: «Gold tropft von weisser Weste, scheinbarer Glanz in Schweigen gehüllt, Engelsgesänge verstummen.»
Happiger geht's kaum. Der Urs war halt immer schon ein «frecher Siech» und «sturer Grind».